Es gibt Spiele, die muss man einfach gespielt haben. Nicht, weil sie im Einheitsbrei eines Genres mit neuen Funktionen herausstechen. Nein. Vielmehr, weil sie etwas völlig neues ausprobieren – und das mit Erfolg. Overlord von Codemasters ist genau das gelungen. Entwickler Triumph Studios hat sich ein Spielprinzip ausgedacht, das es so noch nicht gab: Keinen Finger krumm machen und nur Befehle erteilen. Ja genau, sowas kann richtig viel Spaß machen.
Der Spieler schlüpft in die Rolle des dunklen Herrschers Overlord. Erneut steht die absolute Macht im Lande auf dem Plan. Moment mal: erneut? Ja, denn der frühere Bösewicht wurde von einigen ruhmreichen Helden um die Ecke gebracht, sein Turm des Schreckens auseinander genommen. Als sein virtueller Nachfolger darf das nicht noch einmal passieren. Diese lächerlichen Helden müssen unter die Erde gebracht, der Turm wieder aufgebaut werden. Vielleicht war der Vorgänger auch einfach nicht böse genug? In der ersten Mission soll deshalb zu Trainingszwecken erst einmal der eigene Hofnarr vermöbelt werden. Eine der wenigen Momente, in denen man selbst Hand anlegen muss. Für alle restlichen niederen Aufgaben gibt es dann andere. Sie nennen sich Schergen, sehen aus wie kleine Kobolde und brennen nur darauf, sich für ihren Meister die Hände schmutzig zu machen. Noch besser: für ihn zu sterben.
Egal, ob die Schergen zum Wegschieben eines Baumstammes oder offensichtlich zum Sterben direkt in eine tödliche Giftwolke geschickt werden: sie machen es. Mal ehrlich: Ist das nicht der Traum eines jeden Mannes? Jemanden zu haben, der alles für einen tut und dabei keine dummen Fragen stellt? Bier holen, putzen, waschen, kochen. Ein Fingerzeig reicht aus. Das Leben kann so einfach sein. Man muss wohl nur genügend Boshaftigkeit an den Tag legen. Wobei es bei Overlord zwei Arten von Bosheit gibt: Wer der Bevölkerung hilft und deren Jungfrauen verschont, wird sozusagen ein guter böser Herrscher. Man kann aber auch die wirklich fiese Tour fahren und alles vernichten und an sich reißen, das einem im Weg steht.
Tolkiens Alptraum
Overlord nimmt gezielt die Herr-der-Ringe-Welt auf die Schippe. Neben Elben und Zwergen müssen auch Halblinge vermöbelt werden. Angeführt werden die drei Völker von skurrilen Bossgegnern, wie beispielsweise dem Hobbitanführer Wilfried. Der ist so fett, dass er mit seinem Körpergewicht eine ganze Armee von Schergen plattwalzen könnte. Hätte er unseren Abnehm-Coach genutzt, wäre seine Walzattacke gar nicht mehr so vernichtend. Das hat er aber nicht. Also ist geschicktes Ausweichen erforderlich, um den Fettsack letztendlich ohne große Verluste zu besiegen.
Eine weitere Stärke des Spiels ist dessen schwarzer Humor. Gnarl, Oberhaupt der Schergen und Berater des Overlords, lässt keine Gelegenheit aus, um herabwertende und altkluge Kommentare loszuwerden. Die Schergen selbst reden nicht viel. Mehr als ein unterwürfiges „Hier Meister, für euch“ beim Abliefern von Beute ist selten drin. Vielleicht, weil die kleinen Racker nicht lange genug leben, um ihren Wortschatz auszubauen. Dafür sorgen sie aber durch ihre Handlungen für viele Lacher. Schickt man sie zum Beispiel in ein Kürbisfeld, setzen sie sich einen der Kürbisse auf den Kopf und rennen damit bis zu ihrem Ableben durch die Gegend. Dieses Verhalten macht aber auch Sinn: Mit herumliegenden Gegenständen, geplünderten Rüstungsteilen und Waffen werten die putzigen Gremlins ihre Ausrüstung auf. Je nachdem, was gerade greifbar ist. In einer Hobbitküche wird die Belegschaft dann beispielsweise mit Löffel und Chefkochmütze aufgemischt.
Fazit
Overlord ist innovativ. Oder besser doch nicht – das Wort ist viel zu abgelutscht. Jeder Entwickler nennt sein Spiel innovativ. In diesem Fall ist Overlord revolutionär, denn in keinem anderen Spiel macht Nichtstun und nur Herumkommandieren so viel Spaß wie hier. Wer dem faulsten Bösewicht 2007 nicht unter die Arme greift, beraubt sich um eine neue Spielidee mit viel Witz und Suchtpotential. Einziges großes Manko: Der Multiplayer-Modus fällt ziemlich mager aus; verliert schon nach wenigen Stunden seinen Reiz.
Plattform: Xbox 360 und PC
Preis: 45 bis 55 Euro (je nach Plattform)
USK: ab 16 Jahren

Auf diesen Seiten bloggt Jens Clasen, Chefautor von Men's Health, über Männer-