Exkurs nach Köln: Warum es falsch ist, die Silvester-Täter „Sex-Mob“ zu nennen (unter anderem, weil das ein Bandname ist)

Nein, keine Sorge, ich werde jetzt hier nicht einstimmen in die Hetzreden und Entrüstungs-Chöre. Was in der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof passiert ist, kann und sollte wahrscheinlich nur beurteilen, wer dort war oder zumindest eine genaue Kenntnis der Situation hat. Die Täter zu ermitteln, festzusetzen und zu verurteilen, ist Aufgabe der Polizei und der Justiz. Die Politik muss aus den Ergebnissen der Ermittlungen die richtigen Schlüsse ziehen und Handlungen ableiten,  um solche Straftaten in Zukunft zu verhindern. Und die Presse sollte diese Prozesse kritisch kommentierend begleiten. Dafür ist es allerdings wichtig, dass wir Journalisten  uns einer angemessenen Sprache bedienen. Die Verschleierung der Taten zu den „Ereignissen von Köln“ ist da noch als menschlicher Schutzmechanismus zu deuten. Aber an vielen Stellen lese ich über die Täter von Köln den Begriff „Sex-Mob“. Der ist schlimmer als nur unpassend und fast genau so übel wie die stark vereinfachende Herleitung der Tat aus dem kulturellen Hintergrund der Täter.

„Sex-Mob“ ist zunächst schlicht falsch. Sex ist einvernehmlich,  sonst ist er keiner. Hier geht es um gewalttätige Übergriffe. Da mag bei der Wortwahl die Signalwirkung eine Rolle spielen, denn natürlich ist Sex ein wunderbar kurzes und griffiges Wort, bei dem viele reflexartig hinschauen. Aber denkt wirklich jemand bei diesen Taten an „Liebe machen“? Würden die betroffenen Frauen das Wort verwenden? Wohl nicht. Darüber hinaus ist „Sex-Mob“ eine Verniedlichung. Das klingt nach „Flashmob“ und ein bisschen nach „Sex-Party“. In New York gibt es sogar eine Jazzband, die „Sex Mob“ heißt. Wohl kaum die passende Bezeichnung für eine wildgewordene Horde von Sexualstraftätern. Außerdem erinnert „Sex-Mob“ mich stark an das Wort „Sexgangster“ für Vergewaltiger – auch so eine Verharmlosung.

Da ist man dann sprachlich schnell – ich übertreibe mal ein wenig – beim Sexgangsterrapper, der mit seiner Posse einen derben „Sex-Mob“ organisiert. Ja, genau: Das ist nicht witzig. Und darum haben solche Begriffe in dieser Sache nichts zu suchen. Übernehmen Sie diese Vokabeln bitte nicht! Warum nennen wir diese Gewalttäter nicht Gewalttäter? Von mir aus können wir auch vom Gewalt-Mob reden oder von einer notgeilen Meute. Es muss von mir aus bei diesem hochemotionalen Thema nicht immer alles supersachlich sein – aber sachlich einigermaßen  richtig. Das mag manchem kleinlich erscheinen – aber Sprache formt nachgewiesenermaßen das Bewusstsein. Und es soll nur bloß nirgendwo das Bewusstsein entstehen, was da geschehen ist, sei irgendwie „sexy“ gewesen.



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