In einer Ausstellung präsentiert ab kommenden Samstag die Grafikerin Wiebke Hansen in Hamburg die Ergebnisse einer Spurensuche. Sie hat sich mit der medialen (Selbst-)Darstellung moderner Frauen befasst. Ihre Feststellung: Noch immer zeigen Frauen Gesten und Gesichter, die dem Weibchen-Schema der 50er und 60er Jahre zu entstammen scheinen, oder sogar noch älter sind. Da werden Zungen gezeigt und Lippen geleckt, Gegenstände angelutscht, Münder orgasmisch geöffnet und Verführerinnenblicke abgeschossen.
Natürlich wäre es sehr interessant zu wissen, ob diese Frauen von selbst darauf gekommen sind, sich so männergelüstekonform zu verhalten, oder ob es Fotografen und Regisseure waren, die sie dazu brachten. Ob sie sich dadurch besser oder schlechter fühlten, schöner oder abstoßender, fraulicher oder entfraulicht.
Aber ich frage mich zuallererst, warum es einen derartigen Gestenkatalog nicht für Männer gibt. Man stelle sich einen Kerl bei den aufgezählten Verrichtungen vor – und schüttele sich einmal kräftig. Ein Mann (womöglich mit Schnauzbart), der sich langsam und lasziv die Lippen leckt, weckt bei Frauen wie Männern sicherlich andere Reaktionen als eine schöne Frau, die das tut. Was sind also nicht wegzudenkende eindeutig männliche Verführergesten und -posen? Gibt es die überhaupt? Und wenn ja: Ziehen sie in gleicher Weise? Angeblich geht das bei Frauen ja nicht so übers Optische wie bei Kerlen, auch waren Männer als Verführer immer mehr Zupacker als Anlocker.
Aber ich wünsche mir trotzdem eine solche Sammlung in Bezug auf den Mann.
Ein paar Ideen:
- Jubelnde Sportler: Durchtrainierte Körper, hochgerissene Arme, wölfisch entblößtes Siegerlachen, viel, viel Schweiß. Da ist Musik drin. Gerade erst empörte sich eine Kollegin darüber, wie Fußball guckende Frauen das Aussehen der Trainer und Spieler bewerten. Ist das nur Desinteresse am Sport – oder liegt aus Frauensicht ein großes Maß Erotik im Männersport?
- Hebende und tragende Männer: Es gibt doch dieses Foto, das in den 80ern in vielen Mädchenzimmern hing: Ein Typ in Jeans mit freiem Oberkörper, der zwei Autoreifen hält, in jeder Hand einen. Das scheint zu knallen. (Randnotiz: Geht das auch mit zwei Bierkästen?) Überhaupt: Bauarbeiter-Style.
- Bizeps-Pose, Hände-in-die-Hüfte-Stemmen: Irgendwo müssen diese Bodybuilder-Standards doch herkommen.
- Breites Grinsen: So richtig zahnblinkendes, weiträumiges Abkiefern von einem Ohr zum anderen. Selbstsicherheit mit einem Anflug von Humor. Das muss es doch sein.
- Der Steinzeit-Look: dümmliches Vorschieben des Unterkiefers gepaart mit stechendem Blick und viel Körperhaar. Das hat uns schließlich irgendwie aus der Eiszeit hierher ins Jetzt gebracht.
- Armbaumeln: Warum sollten Männer das sonst tun? Beim Cabriofahren hängt der Arm aus der Tür, beim Sitzen im Armlehnstuhl hängt er seitlich an der Lehne herunter, beim Anlehnen an eine Bar baumelt er am Tresen. Die daran hängende Hand scheint stets zu signalisieren: Hallo, ich bin frei, ich könnte dir mit deiner Nackenverspannung helfen. Oder diesem klemmenden BH-Verschluss.
Was auch immer dabei ist: Die Ausstellung würde ich mir ansehen. Und alles mal ausprobieren. Vor Ort. Live.